Geschlecht und Innovation
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Biologisches Geschlecht überbetonen

Die Überbetonung von Unterschieden in Zusammenhang mit Sex kann Irrtümer zur Folge haben. Dies kann in folgenden Fällen passieren:

1) Wenn auf das biologische Geschlecht rückführbare Unterschiede ohne hinreichende Evidenz oder Dokumentation behauptet werden.

Statistisch solide und im Peer-Review-Verfahren überprüfte Daten sind notwendig, um wissenschaftliche Behauptungen bezüglich biologischer Geschlechterdifferenzen zu stützen. ForscherInnen können jedoch aufgrund unzureichender Daten oder Datenanalysen behaupten oder zur Diskussion stellen, dass Geschlechterdifferenzen bestehen.

  • Beispiel (Genetik von Krankheiten): Viele Krankheiten weisen, was ihre Verbreitung angeht, Unterschiede sowohl hinsichtlich des Geschlechts wie auch anderer genetischer Merkmale auf. Systemischer Lupus erythematodes beispielsweise ist eine Autoimmunkrankheit, die bei Frauen weitaus häufiger vorkommt als bei Männern (das heißt, biologisches Geschlecht ist ein Risikofaktor) und bei Menschen mit spezifischen Formen des humanen Leukozytenantigen-Gens (das heißt, die genetische Ausstattung ist ein Risikofaktor) (Martens et al., 2009). Infolgedessen haben ForscherInnen ein Interesse daran, zu definieren, wie Geschlecht und andere genetische Merkmale in der Risikobestimmung zusammenspielen: Sollte ein bestimmtes genetisches Merkmal nur bei Frauen oder nur Männern ein Risikofaktor sein, so wäre dies eine wertvolle Information für die Krankheitsfrüherkennung. Eine kritische Durchsicht von Peer-Review-Zeitschriften, die von „geschlechtsbezogenen Unterschieden in genetischen Assoziationen“ berichten, hatte indes zum Ergebnis, dass „die meisten Behauptungen unzureichend dokumentiert oder fadenscheinig sind“. Probleme sind unter anderem das Fehlen von Kontrollgruppen, der Vergleich ungleicher Kohorten von Frauen und Männern (wie etwa Kohorten unterschiedlichen Alters) und viele andere mehr (Patsopoulos et al., 2007).

2) Wenn Unterschiede zwischen Frauen und Männern unsachgemäß dem biologischen Geschlecht zugeschrieben werden.

ForscherInnen gehen möglicherweise davon aus, dass Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf das biologische Geschlecht zurückzuführen sind, während tatsächlich andere Faktoren – wie etwa Geschlechterrollen oder sozioökonomischer Status – ins  Spiel kommen. Die Überbetonung biologischer Geschlechterdifferenzen kann eine historisch erwiesene Stereotypisierung von Frauen und Männern zur Folge haben. Das US-amerikanische Institute of Medicine hat Folgendes festgestellt: „Studien zu Merkmalen, die auf Rassissierung und Ethnisierung basieren, sowie Studien zu Alter, Nationalität, Religion und Geschlecht haben historisch mitunter zu diskriminierenden Praxen geführt“. Der Ausschuss empfahl sich über diese Praxen zu verständigen, damit sie nicht wiederholt werden (Wizemann & Pardue, 2001). Beispiele dieser Art von Überbetonung sind:

  • Beispiel (Softwaredesign): Videospielfirmen entwickelten in der Annahme, dass Frauen und Männer grundlegend unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten hätten, „rosa“ und „blaue“ Spiele. Bei diesen Interessen ging man davon aus, sie seien angeboren. Blaue Spiele haben ihren Fokus typischerweise auf Gefechten, rosa Spiele hingegen auf Mode. Neuere Forschungen zeigen, dass sich Geschlechternormen, die die Angemessenheit des Spielens zum Inhalt haben, auf das Spielverhalten von Frauen und Männern auswirken. Diese Normen verändern sich, was zur Folge hat, dass das Verhältnis von Spielerinnen und Spielern bei einigen der populärsten modernen Spiele ausgewogen ist. Für eine breite Zielgruppe zu entwickeln ist häufig eine deutlich erfolgreichere Strategie, als Spiele für nur ein Geschlecht zu entwerfen (Faulkner et al., 2007) (vgl. Fallstudie: Videospiele/Video Games).

3) Wenn das biologische-anatomische Geschlecht dermaßen betont wird, dass andere entscheidende Variablen ausgeschlossen werden.

  • Beispiel (Biotechnik und Medizin): Ist eine spezifisch weibliche Knieprothese notwendig? Alles in allem gibt es keinen Hinweis darauf, dass eine frauenspezifische Knieprothese die Ergebnisse der totalen Kniearthroplastik bei Frauen verbessert. Das biologische Geschlecht hat einen Einfluss sowohl auf die Größe wie auch auf die Morphologie des Knies, die Indizien sprechen jedoch dafür, eine Knieprothese eher auf Grundlage der stufenlosen Variablen von Größe statt auf Grundlage der binären Variable biologisches Geschlecht zu wählen. Die Überbetonung biologischer Geschlechterdifferenzen kann sowohl Männern als auch Frauen schaden: Das „weibliche“ Knie kann für manche Männer eine gute physiologische Passform und für manche Frauen eine schlechte Passform haben (vgl. Fallstudie: Knie ohne Geschlecht/De-Gendering the Knee).

Literatur

Faulkner, Wendy und Lie, Merete (2007). Gender in the Information Society: Strategies of Inclusion. Gender and Technology Development, 11 (2), 157–177.

Institute of Medicine (IOM) Board on Population Health and Public Health Practice. (2012). Sex-Specific Reporting of Scientific Research: A Workshop Summary. Washington D.C.: National Academies Press.

Martens, H., Nolte, I., van der Steege, G., Schipper, M., Kallenberg, C. und Meerman, G. (2009). An Extensive Screen of the HLA Region Reveals an Independent Association of HLA Class I and Class II with Susceptibility for Systemic Lupus Erythematosus. Scandinavian Journal of Rheumatology, 38 (4), 256–262.

Pardue, M., & Wizemann, T. (Eds.) (2001). Exploring the Biological Contributions to Human Health: Does Sex Matter? Washington D.C.: National Academy Press.

Patsopoulos, N., Tatsioni, A. und Ioannidis, J. (2007). Claims of Sex Differences: An Empirical Assessment in Genetic Associations. Journal of the American Medical Association, 298 (8), 880–893.

Wizemann, Theresa M. und Pardue, Mary-Lou (Hg.innen.) (2001). Exploring the Biological Contributions to Human Health: Does Sex Matter? Washington D. C.: National Academy Press