Geschlecht und Innovation
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Gender bzw. die soziale Dimension des Geschlechts


Definition: Gender – ein sozialer Prozess – bezieht sich auf kulturelle und soziale Haltungen, die zusammen „weibliche“ und „männliche“ Verhaltensweisen, Produkte, Technologien, Umgebungen und Wissen formen und sanktionieren. Beachte: Verschiedene europäische Sprachen kennen kein Wort für „Gender“. Es ist daher wichtig, ein für die jeweilige Sprache spezifisches Wort zu erfinden oder das englische Wort korrekt einzusetzen.

Anmerkung zur deutschen Übersetzung: Im Deutschen werden zur Unterscheidung der beiden Dimensionen des Geschlechts sowohl die englischen Begriffe „Sex“ und „Gender“ wie auch die Bezeichnungen biologisches und soziales Geschlecht verwendet. Im Zuge der Internationalisierung von universitären und anderen Forschungskontexten scheint sich zunehmend der Begriff „Gender“ durchzusetzen; gleichzeitig bezeichnen viele Forschungszentren ihr Feld als „Geschlechterstudien“ und nicht als „Gender Studies“. In Komposita, wie Geschlechterverhältnisse, geschlechtsspezifisch, Geschlechterunterschiede, Geschlechterrollen etc., wird stets das deutsche Wort Geschlecht verwendet und nicht extra auf die jeweilige Dimension verwiesen. Wir haben uns bei der Übersetzung für die Ausdrücke „biologisches Geschlecht“ und „soziales Geschlecht“ entschieden, weil wir einerseits der Überzeugung sind, dass die Begriffe „Sex“ und „Gender“ übersetzbar sind und dass andererseits die Übersetzung dieser Begriffe zu einem breiteren Verständnis führt. Darüber hinaus birgt das deutsche Wort Geschlecht den Vorteil, die Verwobenheit und wechselseitige Bedingtheit der biologischen sowie der sozialen Geschlechtsdimension nicht künstlich aufzutrennen.
Hintergrund: Der Begriff „Gender“ wurde im anglo-amerikanischen Raum in den späten 1960er Jahren eingeführt, um soziale Faktoren, die sich prägend auf Verhaltensweisen und Haltungen auswirken, von biologischen Faktoren in Zusammenhang mit Sex zu unterscheiden (vgl. Begriffe: Sex und Gender – der Unterschied). Geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Haltungen sind erlernt; sie sind weder ein für allemal fixiert noch universell. Geschlechternormen und -verhältnisse sowie Geschlechtsidentitäten unterscheiden sich je nach Zeit, Kultur und Ort, wie etwa in Spanien im Vergleich zu Deutschland, in städtischen im Vergleich zu ländlichen Gebieten oder in den 1950er Jahren im Vergleich zu heute. Auch das soziale Geschlecht unterscheidet sich je nach sozialem Kontext, wie etwa am Arbeitsplatz versus zu Hause.
Funktionsweise des sozialen Geschlechts: In großen und komplexen Gesellschaften funktionieren Menschen über erlernte Verhaltensweisen. Unsere Sprechweisen, unser Benehmen, die von uns verwendeten Dinge und unsere Verhaltensweisen – all das signalisiert, wer wir sind und trägt zur Schaffung von Interaktionsregeln bei. Das soziale Geschlecht ist ein Aspekt in diesem Konglomerat von Verhaltensweisen und Haltungen. Für sich genommen kann das soziale Geschlecht ein bedeutender Aspekt von Forschung und Gestaltung sein (vgl. Annahmen hinsichtlich Gender analysieren, Forschungsprioritäten und -ergebnisse überdenken, Forschungsfragen formulieren, Konzepte und Theorien überdenken, Innovationsprozesse entwickeln, Standards und Referenzmodelle überdenken sowie Sprache und visuelle Repräsentationen überdenken). Probleme, die bei der Analyse des sozialen Geschlechts vermieden werden sollten:
Probleme können entstehen, wenn ForscherInnen davon ausgehen dass
  1. alle Frauen und alle Männer als Gruppe (hinsichtlich ihrer Haltungen, Vorlieben, Bedürfnisse, Verhaltensweisen und ihres Wissen) gleich sind;

  2. Frauen und Männer unterschiedlich sind;

  3. beobachtete Unterschiede zwischen Frauen und Männern einzig sozialer Natur sind;

  4. beobachtete Unterschiede zwischen Frauen und Männer in allen Kulturen Bestand haben.

1. Geschlechternormen beziehen sich auf Haltungen in Bezug auf die für Frauen und Männer angemessenen Verhaltensweisen, Vorlieben, Produkte, Berufe oder Kenntnisse. Geschlechternormen beeinflussen die Entwicklung von Produkten und Technologien (vgl. Fallstudien: Maschinen zum Sprechen bringen/Making Machines Talk und Videospiele/Videogames):

2. Geschlechterverhältnisse beziehen sich auf empirische Beobachtungen zu den von Frauen und Männern tatsächlich angenommenen Rollen sowie darauf, wie diese in einer bestimmten Kultur oder einem bestimmten sozialen Kontext interagieren - zum Beispiel Zuhause, im Labor, im Entwicklungsteam etc. Geschlechterverhältnisse umfassen:

  • Gesellschaftliche Arbeitsteilungen, die ein wesentlicher Bestandteil jener Geschlechterverhältnisse sind, in denen Frauen und Männer in unterschiedliche Arten von (bezahlter oder unbezahlter) Aktivität gedrängt werden. Eine Konsequenz einer derartigen Geschlechtertrennung ist, dass bestimmte Berufe oder Disziplinen symbolisch mit der (mutmaßlichen) Geschlechtsidentität der numerisch dominanten Gruppe "markiert" werden: So gilt beispielsweise Pflege als "weiblicher" Beruf, während technische Berufe den Ruf haben, "männliche" Berufe zu sein (Faulkner, 2009).
  • Frauen und Männer, die stark geschlechtergetrennte Funktionen übernehmen, erwerben unterschiedliches Wissen bzw. andere Expertisen, auf die zuzugreifen für geschlechterreflexive Innovationen gegebenenfalls von Nutzen sein kann (vgl. Partizipative Forschung und Gestaltung, vgl. ebenso die Fallstudie: Wasseinfrastruktur/Wate rInfrastructure).
  • Geschlechterverhältnisse können auch in Produkten oder baulichen Umgebungen, wie beispielsweise bei Transportsystemen, Form annehmen (vgl. Sprache und visuelle Repräsentationen überdenken; vgl. ebenso die Fallstudie: Öffentlicher Verkehr/Public Transport).

3. Geschlechtsidentitäten beziehen sich auf die Art und Weise der Eigen- und Fremdwahrnehmung bzw. -darstellung von Individuen oder Gruppen (Schiebinger, 1999). Geschlechtsidentitäten sind kontextspezifisch. Jedes Individuum lässt sich in Abhängigkeit des jeweiligen Kontexts (bewusst oder unbewusst) auf mannigfaltige Weiblichkeiten und Männlichkeiten ein. Zum Beispiel kann ein Mann, der eine Laborbesprechung leitet, auf Führungsqualitäten zurückgreifen, die als männlich identifiziert werden; er kann jedoch, wenn er seinem Kind bei den Mathematikaufgaben hilft, von Fähigkeiten Gebrauch machen, die als eher weiblich identifiziert werden. Folgendes gilt es zu beachten:

  • Geschlechtsidentitäten können sich auf die Forschung auswirken (vgl. Annahmen hinsichtlich des sozialen Geschlechtes (Gender) analysieren).
  • Transexualität, Transgender und Geschlechter-Nonkonformität beziehen sich auf den "Ausdruck von Geschlechtsmerkmalen und -identitäten, die nicht mit dem Stereotyp des bei der Geburt zugewiesenen biologischen Geschlecht in Verbindung gebracht werden." Diese Ausdrucksformen sind gang und gäbe und werden nicht als inhärent pathologisch betrachtet (WPATH, 2011). Dennoch können Vorurteile gegenüber geschlechtlich non-konformen Menschen Leid verursachen (Meyer, 2003).
  • Geschlechtsdysphorie oder Geschlechtsidentitätsstörung (GID) ist "ein Unwohlsein oder Leiden, das durch eine Diskrepanz zwischen der Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenem biologischen Geschlecht einer Person (sowie der damit in Verbindung gebrachten Geschlechtsrolle und/oder der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale) verursacht wird" (WPATH, 2011). Eine Untergruppe von geschlechtlich non-konformen Menschen ist davon betroffen. GID wird von großen Organisationen, einschließlich der von den Vereinten Nationen gesponserten Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der American Psychiatric Association (APA) als medizinische Störung klassifiziert (APA, 2000; WHO, 1990). Existierende Behandlungen beinhalten Hormonbehandlung sowie chirurgische Eingriffe (WPATH, 2011).

Literatur

American Psychiatric Association (APA) (2000). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fourth Edition, Text Revision (DSM-IV-TR). Arlington: APA; deutsch: Saß, H. et al.(2003). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen – Textrevision – DSM-IV-TR. Hogrefe: Göttingen.

Faulkner, Wendy (2009). Doing Gender in Engineering Workplace Cultures: Part I — Observations from the Field. Engineering Studies, 1 (1) 3–18.

Meyer, I. (2003). Prejudice as Stress: Conceptual and Measurement Problems. American Journal of Public Health, 93 (2), 262–265.

Schiebinger, Londa (1999). Has Feminism Changed Science? Cambridge: Harvard University Press

World Health Organization (WHO) (1990). International Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD)—10th Revision. Geneva: WHO; deutsch: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) (2012). Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM). Köln: DIMDI.

World Professional Association for Transgender Health (WPATH) (2011). Standards of Care for the Health of Transsexual, Transgender, and Gender-Nonconforming People. Minneapolis: WPATH.