Geschlecht und Innovation
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Leitfaden Gesundheit und Medizin

Dieser Leitfaden soll eine Hilfestellung für ForscherInnen, Antrag Schreibenden, ProjektleiterInnen und -gutachterInnen sowie für Förderorganisationen sein, die mit dem Gesundheits- und Medizinbereich beschäftigt sind. Er ist eine Beschreibung der für die Einbeziehung der Analyse des biologischen und sozialen Geschlechts in Gesundheits- und medizinische Forschung wesentlichen Schritte. Der Leitfaden dient als Ergänzung zu der auf der Seite Gesundheits- und biomedizinische Forschung gestalten beschriebenen Methode und sollte gemeinsam mit ihr gelesen werden (vgl. auch die Schulungspräsentation der National Institutes of Health: Sex/Gender and Minority Inclusion in NIH Clinical Research: What Investigators Need to Know! und European Curriculum in Gender Medicine online course; Oertelt-Prigione, S. et al., Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine; and Schenck-Gustafsson et al., Handbook of Clinical Gender Medicine).

1. Schritt: Relevanz bestimmen (vgl. Forschungsprioritäten und -ergebnisse überdenken)
2. Schritt: Literaturrecherche
3. Schritt: Forschungsfragen und -hypothesen festlegen
4. Schritt: Festlegen von Forschungsmethoden sowie Planung der Datenanalyse
5. Schritt: Daten mit Konzepten und theoretischen Modellen interpretieren
6. Schritt: Ergebnisse berichten
7. Schritt: Folgerungen ausarbeiten und Empfehlungen aussprechen

1. Schritt: Relevanz bestimmen (vgl. Forschungsprioritäten und -ergebnisse überdenken)

2. Schritt: Literaturrecherche

Es gilt eine Literatur- und Datenbankrecherche mit den adäquaten Begriffen für „Sex“ und „Gender“, also für das biologische und das soziale Geschlecht durchzuführen. MeSH (Medical Subject Headings) – der von der United States National Library of Medicine gepflegte Thesaurus hat ein kontrolliertes Vokabular und wird zum Indexieren von Artikeln in PubMed verwendet – unterscheidet nicht einheitlich zwischen Sex und Gender (größtenteils weil die AutorInnen dies nicht tun). Das gilt folglich auch für die deutsche Übersetzung von MeSH, die das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) erstellt. Folglich müssen ForscherInnen Suchstrategien entwickeln, um das gesamte Spektrum zuvor dokumentierter biologischer und sozialer Geschlechterdifferenzen zu ermitteln.

  • Mehrere Studien empfehlen, die Bezeichnung eines Leidens oder eines biomedizinischen Forschungsthemas mit standardisierten MeSH-Begriffen zu kombinieren, wie „sex factors“ und „sex characteristics“ bzw. mit den entsprechenden Begriffen der deutschen Übersetzung, oder mit Textwörtern, wie „gender differences“ und „sex differences“ bzw. „Geschlechterdifferenzen“, „geschlechtsspezifische Unterschiede“ oder „Gender-Differenzen“ im Deutschen. Eine Reihe komplexer Suchbegriffe wurde entwickelt, die allesamt zu besseren Ergebnissen führen, als nur „Sex“ und „Gender“ (Oertelt-Prigione et al., 2010; Moerman et al., 2008).
  • Darüber hinaus wurde eine Datenbank erstellt, die eine Erhebung der Geschlechterdifferenzen in großen klinischen Fächern sowie in der biomedizinischen Grundlagenforschung enthält (vgl. http://bioinformatics.charite.de/gender/. Die Website kennt beim Login zwei Eingabeaufforderungen: Bei der ersten Eingabeaufforderung muss als Benutzername „gender“ und als Passwort „ppgm“ eingegeben werden. Bei der zweiten Eingabeaufforderung als User wie auch als Passwort „guest“). In der lebenswissenschaftlichen Grundlagenforschung kann es außerdem hilfreich sein, mit der Unterscheidung weiblich/männlich zusammenhängende Suchbegriffe zu verwenden, wie etwa Geschlechtshormone oder Reproduktionsbiologie.

3. Schritt: Forschungsfragen und -hypothesen festlegen (vgl. Forschungsfragen formulieren)

  • Mithilfe der Ergebnisse aus den ersten beiden Schritten sollten Überlegungen dahingehend angestellt werden, in welcher Form das Projekt Methoden der Analyse des biologischen und des sozialen Geschlechts integriert (vgl. Konzepte und Theorien überdenken).
  • Das Studiendesign sollte es ermöglichen Daten zu sammeln, die nach dem biologischen Geschlecht aufgespalten sind.
  • Abhängig vom Typus der aufgeworfenen Fragen lassen sich Studienpopulationen auf verschiedene Art und Weise konfigurieren:
Menschliche Studienpopulationen zusammenstellen Studiencharakteristika und Überlegungen

Gemischtgeschlechtlich
  • Die Studienpopulation sollte die Zusammensetzung der PatientInnengruppe widerspiegeln, die voraussichtlich mit der zu untersuchenden Therapie behandelt wird.
  • Frauen und Männer sollten nach Eigenschaften, wie Alter, Rassisierung/Ethnisierung, sozioökonomischem Status, Körperzusammensetzung etc. abgeglichen werden. Sollte das nicht möglich sein, müssen diese Variablen gemessen und kontrolliert werden.
  • Bei der Analyse von Überschneidungen zwischen Sex, Gender und weiteren Faktoren werden, ist es entscheidend, Unterschiede in Zusammenhang mit Sex als Problemstellung zu berücksichtigen und zu vermeiden, Unterschiede in Zusammenhang mit Sex überzubetonen.

Eingeschlechtlich

nur Frauen
  • Studien allein an Frauen sind sinnvoll, um Krankheiten zu erforschen, die nur bei einem Geschlecht auftauchen, wie beispielsweise das Ovarialkarzinom.
  • Studien allein an Frauen können genutzt werden, um Forschungslücken zu schließen bei Krankheiten, die beide Geschlechter betreffen (wie beispielsweise Herzerkrankungen), bei Frauen jedoch nicht hinreichend untersucht wurden (vgl. Fallstudie: Herzkrankheit bei Frauen/Heart Disease in Women).
  • Studien allein an Frauen können Unterschiede unter Frauen (wie z. B. Reproduktionsstatus, Alter etc.) analysieren.

nur Männer
  • Studien allein an Männern sind sinnvoll, um Krankheiten zu erforschen, die nur bei einem Geschlecht auftauchen, wie beispielsweise Prostatakrebs.
  • Studien allein an Männern können genutzt werden, um Forschungslücken zu schließen bei Krankheiten, die beide Geschlechter betreffen (wie beispielsweise Osteoporose), bei Männern jedoch nicht hinreichend untersucht wurden (vgl. Fallstudie: Osteoporoseforschung an Männern/Osteoporosis Research in Men).
  • Studien allein an Männern können ein wichtiges Werkzeug sein, um Unterschiede unter Männern zu untersuchen.

4. Schritt: Festlegen von Forschungsmethoden sowie Planung der Datenanalyse (vgl. Gesundheits- und biomedizinische Forschung entwerfen)

  • Forschungsinstrumente (Fragebögen, Erhebungen, Protokolle usw.) sollten sowohl für Frauen als auch für Männer bzw. sowohl für Weibchen wie auch für Männchen entwickelt werden (vgl. Standards und Referenzmodelle überdenken).
  • Daten können auf viele verschiedene Weisen untersucht werden. Es ist zu klären, ob das biologische Geschlecht kontrolliert werden muss oder ob die Studie die Effekte des biologischen Geschlechts anhand der Ergebnisse untersucht.
  • Eine sowohl Frauen als auch Männer inkludierende Studie muss statistische Tests verwenden, um zu bestimmen, mit welcher Zuverlässigkeit Ähnlichkeiten oder Unterschiede behauptet werden können.
  • Folgende Fragen sollten bei einer Datenanalyse berücksichtigt werden:
    1. Sind Nutzen und Risiken im Zuge der Behandlung in einer gemischtgeschlechtlichen Population insgesamt ausgewogen?
    2. Ist die Behandlung wirksam und sicher genug, um eine Indikation sowohl für Frauen und als auch Männer zuzulassen?
    3. Gibt es Geschlechterdifferenzen, das heißt, ist die Behandlung für ein bestimmtes Geschlecht wirksamer oder sicherer?
    4. Ist die vorgeschlagene Behandlung aufgrund bestehender Behandlungsoptionen für Frauen und Männer für ein Geschlecht entscheidender als für das andere?
    5. Wenn eine Studie nach Alter, Reproduktionsstatus, Ethnisierung usw. abgeglichen wird, ist sie auch hinreichend leistungsstark für die Analyse von Subgruppen? Kann die Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlung in spezifischen Subpopulationen evaluiert werden? Falls ja, ist die Definition dieser Subpopulationen konsistent genug, um evidenzbasierte klinische Praxis sicherstellen?

5. Schritt: Daten mit Konzepten und theoretischen Modellen interpretieren

  • Alle Konzepte und theoretischen Modelle müssen auf nicht fundierte Annahmen überprüft werden (vgl. Konzepte und Theorien Überdenken).
  • Studien sollten Folgendes unterlassen:

    • annehmen, dass Ergebnisse zu einem Geschlecht auch für das andere zutreffen;
    • eine nicht-repräsentative Norm schaffen, wie beispielsweise die Annahme einer männlichen Norm in Zusammenhang mit einer Krankheit, die beide Geschlechter betrifft, oder mit einer sowohl von Frauen wie auch von Männern genutzten Technologie (vgl. Standards und Referenzmodelle überdenken);
    • normale biologische Prozesse, wie etwa Schwangerschaft oder Menopause, pathologisieren;
    • Ergebnisse in einer Weise interpretieren, die blind gegenüber dem biologischen oder dem sozialem Geschlecht ist.

 6. Schritt: Ergebnisse berichten (vgl. Sex analysieren)

  • Das biologische Geschlecht der Versuchspersonen und des Studienmaterialien muss angegeben werden.
  • Nullbefunde müssen gemeldet werden: ForscherInnen sollten berichten, wenn ihren Analysen keine Geschlechterdifferenzen (Haupt- oder Interaktionseffekte) feststellbar sind, damit Verzerrungen in den Publikationen reduziert und um Meta-Analysen ermöglicht werden.
  • Es muss sichergestellt sein, dass biologische oder soziale Geschlechterdifferenzen in Tabellen, Abbildungen/Diagrammen und Ergebnissen angemessen visualisiert werden (vgl. Sprache und visuelle Repräsentationen überdenken).
  • Es muss sichergestellt werden, dass Ergebnisse in Zusammenhang mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht in Titel, Abstract und in den Schlagwörtern zutreffend dargestellt werden.

 7. Schritt: Folgerungen ausarbeiten und Empfehlungen aussprechen

  • Welche weiterführenden Forschungen sind notwendig, wo signifikante biologische Geschlechterdifferenzen und geschlechtsspezifische Effekte auftauchen?
  • Haben Ergebnisse spezifische Implikationen für Patientinnen und Patienten? Haben diese Unterschiede Implikationen für die klinische Praxis oder für zukünftige Forschungen?
  • Wie können Ergebnisse, die signifikante biologische oder soziale Geschlechterdifferenzen sichtbar werden lassen, in präventive, diagnostische und therapeutische Praxen übersetzt werden, sodass sie für die PatientInnen Verbesserungen bringen?

Literatur

Dieser Leitfaden wurde adaptiert übernommen von: Nieuwenhoven, Linda und Klinge, Ineke. (2010). Scientific Excellence in Applying Sex- and Gender-Sensitive Methods in Biomedical and Health Research. Journal of Women’s Health, 19 (2), 313–321

Moerman, Clara, Deurenberg, Rikie, Haafkens, Joke A. (2009). Locating Sex-Specific Evidence on Clinical Questions in MEDLINE: A Search Filter for Use on OvidSP. BioMed Central Medicine Medical Research Methodology, 9 (25).

Oertelt-Prigione, Sabine, Parol, Rosa, Krohn, Stefan, Preissner, Robert und Regitz-Zagrosek, Vera (2010). Analysis of Sex and Gender-Specific Research Reveals a Common Increase in Publications and Marked Differences between Disciplines. BioMed Central Medicine, 8, 70–80.

Jenkins, M., & Wilson, J. (2012). Finding the Evidence: A Sex- and Gender-Specific Medicine (SGSM) PubMed Search Engine Tool. Lubbock: Texas Tech University School of Medicine Health Sciences Center.

Oertelt-Prigione, S.& Regitz-Zagrosek, V. (Eds.) (2012). Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine. London: Springer Verlag.

Schenck-Gustafsson, K., DeCola, P., Pfaff, D., Pisetsky, P. (Eds.) (2012). Handbook of Clinical Gender Medicine. Basel: Karger, 2012.